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  Ein selten flirtendes Paar
Literatur und Mathematik
09.05.2000 / A. Schreiber  


Hin und wieder spielen literarische Autoren auf ein mathematisches Thema an oder äußern sich zu menschlichen Erfahrungen mit der Mathematik. Zum Beispiel erscheint einer Romanfigur Hermann Hesses die Mathematik in der Schule "als eine mit hinterlistigen Rätseln beladene Sphinx". Umgekehrt machen aber auch Mathematiker literarische Texte zum Gegenstand ihrer Studien. Zum Beispiel erfassen sie Stilmerkmale mit statistischen Methoden; damit lassen sich dann Aufschlüsse über den Autor eines anonymen Werks gewinnen.

Eine andere, direktere Beziehung zwischen Literatur und Mathematik kommt in einem Gedicht zum Vorschein, das Karl Krolow 1995 veröffentlicht hat. In den ersten Zeilen bekennt er:

Ich suchte nach Mathematik,
um Ordnung in einiges zu bringen,
vielleicht Logik, die unerschütterlich ist.

Hier steht die Mathematik auf der Ebene des Autors; sie bereichert die Mittel, mit denen er sein Werk gestaltet. In der Poesie werden dazu traditionell Versmaß, Strophenbau und Reimschema, sogar Zahlensymbolik genutzt. Mathematisch geprägte Elemente wie diese sind ursprünglich kein Selbstzweck, treten aber durch spielerische Handhabung stärker in den Vordergrund. Das Ergebnis sind künstlich anmutende, formbetonte Texte wie der lateinische Spruchvers:

Amore more ore re
coluntur amicitiae

(dt. etwa: Pflege Freundschaften durch Liebe, Anständigkeit, Wort und Tat). Das Streichen der Anfangsbuchstaben erzeugt eine Dreieckfigur, in der das Wort AMORE auf 1 + 4 + 6 + 4 = 15 (= 24 – 1) Arten gelesen werden kann:

A

M

O

R

E

1

1

1

1

1

M

O

R

E

1

2

3

4

O

R

E

1

3

6

R

E

1

4

Die Zahl am Platz eines Buchstabens gibt dabei die Anzahl der Möglichkeiten an, ihn von der linken oberen Ecke aus zu erreichen.

Die Grafik wurde 1992 von T. Merino erstellt.

Das Spiel mit Formelementen führt geradewegs in die Kombinatorik. Zu deren Vorreitern zählt Raimundus Lullus (1232–1315), Gründer der katalanischen Literatur.

Für seine philosophisch-theologischen Abhandlungen und Predigten produzierte er christliche Glaubensargumente durch Gegeneinanderdrehen konzentrischer Kreisscheiben, auf deren Rand die Attribute Gottes geschrieben waren. Das System, von ihm Ars Magna genannt, hat noch spätere Jahrhunderte fasziniert.

 

Die Erste Figur der Ars Magna von Raimundus Lullus. Der Buchstabe A im Zentrum bedeutet Aleph und steht für Gott.

Am Kombinieren und Permutieren von Buchstaben, Wörtern und Sätzen fand man im Barock ebenso Geschmack wie in einigen Strömungen der modernen Literatur. Der Franzose Raymond Queneau (1903–1976) hat mathematisch inspirierte Stilmittel moderat und auf einfallsreiche, witzig-ironische Weise eingesetzt. Ein Beispiel ist sein Buch "Hunderttausend Milliarden Gedichte". Es besteht aus 10 Sonetten nach dem Reimschema

A B A B
A B A B
C C D
C C D

Nun kann jeder Leser ein neues Gedicht wie folgt herstellen: Für die erste Verszeile wählt man eine der (etwa auf Lamellen gedruckten) vorgegebenen 10 ersten Zeilen aus; dasselbe macht man für Zeile zwei, drei usw. Bei 14 Zeilen ergeben sich insgesamt 1014 (= 100.000.000.000.000) mögliche Sonette. Hier ein möglicher Anfang (in der Übertragung von Ludwig Harig, zitiert aus der deutschen Erstausgabe bei Zweitausendeins, 1984):

Der junge Maulheld ist der Nymphe Favorit
ein bißchen allerdings gehört er zu den Gecken
die Toga die er trägt ist keineswegs splendid
er findet plötzlich nichts als einen Sack voll Flecken
...

Die Perlen in diesem unüberschaubaren Wust muss wohl der Zufall ans Licht bringen. Denn wollte man alle Exemplare lesen – jede Minute eines und ohne Unterbrechung alle weiteren –, es würde mehr als 190 Millionen Jahre dauern.

Vielleicht fangen Sie damit schon mal an! Magnus Bodin bietet nämlich unter Cent mille milliards de poèmes einen Generator, der auf Knopfdruck eines dieser Sonette zufallserzeugt herstellt (in wahlweise den Sprachen Französisch, Englisch und Schwedisch).

Vgl. auch