Gemeint sind hier natürlich nicht bloß Zahlzeichen, sondern vor allem ihre Verwendung im Stellenwertsystem. Das beruht auf dem stufenweisen Zusammenfassen von Einheiten zu Bündeln fester Größe, z.B. zehn. Auf jeder Stufe steht die Anzahl der Bündel, die auf der nächsthöheren Stufe nicht unterzubringen sind. Und wenn einmal kein Rest bleibt? Man könnte den Platz leer lassen. Es ist aber geschickter, die Leere durch ein Zeichen anzuzeigen eben die Null. So taten es mit ihrem Zeichen für Leere: sunya im 9. Jahrhundert die Inder. Die Araber, die sich des enormen Potentials dieser Idee bewusst waren, vermittelten und verbreiteten sie nach Westen hin.
Es ist nicht so wichtig, mit welchen Zeichen man die möglichen Bündelzahlen darstellt. Tatsächlich unterscheiden sich die uns geläufigen westlichen "arabischen Ziffern" des Dezimalsystems von ihren ostarabischen Geschwistern:

Ostarabisch schaut die Vier wie eine gespiegelte Drei aus, die Sechs wie unsere Sieben, und die Fünf ähnelt gar der Null. In den arabischen Ländern nutzt man beide Schreibarten, die ostarabische z.B. für die Seitenangaben in einem Buch, die westliche auf Autokennzeichen:
oder auf dieser Preisliste für Süßigkeiten:
Erst im 13. Jahrhundert wurde das Positionssystem in Europa gegen mancherlei Widerstände allmählich heimisch. Leonardo von Pisa, bedeutendster Mathematiker des abendländischen Mittelalters, hat daran erhebliches Verdienst. Man kennt ihn heute eher als Fibonacci, was bedeutet: Sohn des Bonacci, eines einflussreichen Kaufmanns mit Beziehungen zum Hof Kaiser Friedrichs II., bekanntlich ein Gelehrter und Kenner der islamischen Welt. Fibonacci übersetzt in seinem lateinisch geschriebenen Liber Abbaci (Buch der Rechenkunst) das arabische Wort für Null

(lies: sifr, dumpfes stimmloses s) mit cephyrum. Daraus wurde später italienisch zefero (und schließlich zero); auch das deutsche Wort Ziffer mit seiner allgemeineren Bedeutung leitet sich davon ab.
Die arabische Schrift läuft von rechts nach links. Und wie
schreibt sich dann ein mehrziffriges Zahlwort? Auch arabisch beginnt man mit
den Einern rechts. Also zum Beispiel:
= 3721.
Beim Aufsagen sind beide Richtungen erlaubt, es kann somit sinngemäß
übersetzt lauten: ein-und-zwanzig-und-siebenhundert-und-dreitausend (oder
andersherum: dreitausend-und-siebenhundert-und-zwanzig-und-eins).
Die Ziffer für die Eins verdient besondere Erwähnung: Sie ist zugleich der erste Buchstabe – Alif – des arabischen Alphabets und Sinnbild des einzigen Gottes, dessen Name "Allah" mit einem Alif beginnt. Die 112. Sure des Korans, die von dieser Einzigkeit handelt, hat Friedrich Rückert in Die Weisheit des Brahmanen (1843) zu mathematisch-mystischer Poesie angeregt:
So wahr als aus der Eins die Zahlenreihe fließt,
So wahr aus einem Keim des Baumes Krone sprießt,
So wahr erkennest du, daß der ist einzig einer,
Aus welchem alles ist, und gleich ihm ewig keiner.