| denkzettel nr. 45 | |
| Wo liegt Pama? – oder: die Kunst des Weglassens ein interkultureller Beitrag für Feinschmecker |
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| 20.12.2000 / A. Schreiber |
Weniger ist manchmal mehr – das weiß man ja. So verstand es ein Henri Matisse, mit ein paar locker hingeworfenen Strichen anzudeuten, was das betrachtende Auge in lustvoller Eigenarbeit ergänzt. Georges Simenon, belgischer Romanautor und Schöpfer von Kommissar Maigret, pflegte beim ersten Durchsehen seiner Manuskripte gnadenlos alle schmückenden Beiwörter zu streichen. Und ist es nicht guter mathematischer Stil, alles wegzulassen, was zum Verständnis eines Sachverhalts nichts beisteuert?
Kürzlich wurde ich auf eine mir bis dahin unbekannte Variante der Weglass-Kunst aufmerksam:

Ein Tütchen mit Italiens Farben & Namen und der Aufschrift PAMESAN: das war ausreichend für den Glauben, jenen berühmten Käse gekauft zu haben, der auf keinem Spaghetti-Teller fehlen darf. Eines Tags wies mich meine Frau auf das fehlende R hin. Um ehrlich zu sein, ich fühlte eine gewisse Scham über diese Niederlage. Ein paarmal nicht genau hingeschaut – schon war ich auf den Pawlowschen Hund gekommen.
Natürlich stellte sich mir jetzt die eine oder andere Frage. Hat sich hier einer in List geübt, der es mit Matisse und Simenon zugleich aufnehmen kann? Man streiche einen einzigen Buchstaben – und kann eine Substanz mit der nicht näher definierten Bezeichnung Hartkäse gerieben abfüllen und verteilen. So einfach kann Marketing sein. Selbst schuld, wer dabei an Arges denkt und den verunsicherten Verbraucher spielt: so wie ich, dem sogleich ein früherer Skandalfall der Europäischen Union in den Sinn kam. Hatten damals nicht böse Menschen zermahlene Spazierstöcke ins Käsepulver gemengt? Nun, ich bin nicht nur weit davon entfernt, hier solches zu unterstellen; vielmehr möchte ich ausdrücklich zu positivem Denken ermuntern. Könnte das Ganze nicht einfach ein unschuldiger Irrtum sein? Ein schnöder Tippfehler, oder eine Lässlichkeit der Aussprache: Was auf den Nudelteller gestreut wird, klingt doch wie Pamesan (ganz so wie in einigen Gegenden zum Hömopaten geht, wem der Doktor nicht helfen kann). Ließe sich in diesem Fall dann nicht auch echter Parmesan in der Tüte vermuten?
Zu guter Letzt beschloss ich, dass es mit der neudeutschen Lite-Kultur noch nicht so weit gekommen sein könne, und stieß zu einer anderen, radikal einfachen Lösung des Problems vor. Sie beruht auf der Annahme, die Produktbezeichnung leite sich von einem Ort names Pama her. Das hübsche Parma liegt in der südlichen Po-Ebene. Es bleibt also nur noch zu entdecken, wo Pama liegt. (Ob meine Nachforschungen schließlich als erfolgreich anzusehen sind, sei dem Urteil der fachkundigen Öffentlichkeit anheimgestellt.)
Als begeisterter Nutzer des WWW starte ich natürlich zunächst mal ein paar Anfragen zum Umfeld von PAMA bei meiner Lieblingssuchmaschine. Die Ergebnislisten, durchweg mit unter 100 Einträgen, lassen sich rasch sichten und auf vielversprechende Links verkürzen. Ich staune nicht schlecht, wer und was alles mit PAMA zu tun hat. Eine PAMA Dallas Chapter, Inc., kürzt damit "Professional Aviation Maintenance Association" ab und scheidet für unsere Zwecke daher wohl aus. Dasselbe gilt für eine metallverarbeitende italienische Firma, die das Wort "Parma" im Namen führt, jedoch versehentlich "Pama" in das Title-Tag ihrer Homepage schrieb. Man sieht, selbst in Italien kann das passieren! Kein Wunder, Pama scheint dort ein geradezu geläufiger Begriff zu sein: eine Marke für hochwertige Schuhspanner, ebenfalls eine Marke für feine Schokopralinen (darunter solche, die Nonnentäschchen heißen), dito eine Marke für Pizza:

Na endlich! – denke ich, damit scheinen wir dem Thema näherzukommen. Allerdings: Die Pizza Marke Pama nennt sich zwar "Genuina" (die "Echte") und wird "im Herzen der Toscana" gefertigt, doch finde ich dort kein Städtchen namens Pama. Außerdem ist die Pizza tiefgekühlt.
Um es ungeschönt einzugestehen: Italien brachte mir alles in allem kein Glück. Als ich irgendwann sogar auf den vielversprechenden Link www.pama.it stieß und mich siegesgewiss kurz vor dem Ziel wähnte, da erschien nur das bekannte ...

Ist das der virtuelle Ort, an dem der Pamesan hergestellt und in alle Welt vertrieben wird? Als ich den Geschäftsführer in meinem Supermarkt frage, ist auch der nicht sicher. Heute (2007) weiß ich es es besser: es ist eine Produktionsstätte für Bohr- und Fräsmaschinen.
Die Wahrheit ist konkret, soll Brecht gesagt haben. Ich begann also, in einem alten (um genau zu sein: völlig veralteten) Handatlas nach einem wirklicheren Pama zu suchen. Und siehe da: ich sollte mich schließlich von der realen Existenz einer Stadt dieses Namens zweifelsfrei überzeugen können. Sie liegt im Südosten von Obervolta, nahe der Grenze zu Togo, West-Afrika. – Obervolta? Die Republik gab es nur bis Mitte der 80-er Jahre, in denen nach blutigem Putsch unter Führung des Justizministers dieser die "Wiederherstellung der Demokratie und die Fortführung der Revolution" ankündigte. Das neue Staatsgebilde trägt heute den Namen Burkina Faso, was so viel bedeutet wie "Land der ehrbaren Männer". Na bitte. Jetzt wäre es noch schön, wenn die Italiener das Land mal okkupiert hätten; damit ließe sich dann das Nationalkolorit auf der Käsetüte erklären. Aber leider: Fehlanzeige. Mein Almanach lehrt mich: Die Franzosen waren da, und die Staatssprache ist Französisch. Trotzdem, die Dinge passen wieder zusammen, als ich die Staatsflagge sehe:

Na also.
P.S. am 29. März 2001:
Interessierte Leserinnen und Leser seien darauf hingewiesen, dass dank
der Fantasie von Reibekäsefirmen noch genügend Raum und Anlass
für Nachfolgeuntersuchungen besteht. Nachdem ich den Supermarkt gewechselt
habe, weiß ich nun auch das gelbe Pulver aus dem PARMITAL zu schätzen.
Im selben Regal bot sich zudem ein gewisser PRAMESAN, sozusagen als Permutat,
in beeindruckender zylinderischer Großpackung zum Sparpreis an. Ob nun
Prama im Parmital liegt oder dieses in Parmitalien? Wer weiß?!
Ihre Entdeckungen schicken Sie bitte an mich. Danke!
P.S. am 13. Dezember 2001:
Ein freundlicher Leser aus Österreich hat mitgeteilt, Pama sei ein kleiner
Ort mit knapp über 1000 Einwohnern im nördlichen Burgenland (Ostösterreich).
Hartkäseproduzenten sollten diese ihnen bisher entgangene Chance nutzen:
nämlich durch Firmensitzverlagerung Produkt- und Herkunftsnamen in authentischen
Einklang zu bringen. Den Burgenländern sei's gegönnt!