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  Zehn hoch vierzehn Gedichte

"Nur eine Maschine vermag ein von einer anderen Maschine geschriebenes Sonett zu würdigen."
20.11.2006 / A. Schreiber

Alan Turing



Mit seinen Cent mille milliards de poèmes bietet Raymond Queneau (1903-1976) ein Experiment zur Erzeugung von 100000000000000 Sonetten. Jede der 14 Zeilen, aus denen ein Sonett besteht, läßt sich dazu mit 10 verschiedenen (auf einzelne Lamellen gedruckten) Versen belegen, Reime und grammatische Struktur bleiben erhalten. In seiner Gebrauchsanweisung rechnet der Autor vor:

"Wenn man 45 Sekunden zum Lesen eines Sonettes und 15 Sekunden zum Umblättern der Lamellen rechnet, 8 Stunden pro Tag, 200 Tage pro Jahr, hat man für mehr als eine Million Jahrtausende zu lesen, und wenn man 365 Tage im Jahr den ganzen Tag über liest, für 190258751 Jahre, ohne die Gequetschten, die Schaltjahre und andere Kleinigkeiten in Betracht zu ziehen. Wie Lautréamont so schön gesagt hat, die Poesie soll von allen gemacht werden, nicht von einem."

Hier sind es also die Leser, die ein individuelles Gedicht (aus 140 vorgefertigten Alexandrinern) herstellen sollen. Der Spielraum, obschon begrenzt, ist praktisch unausschöpfbar und offen für jede Form der Auswahl, auf die der kreative Akt sich nunmehr reduziert. Wie aber fischt man die eine oder andere Perle aus dem Grau der hunderttausend Milliarden Möglichkeiten?

Natürlich könnte man leicht einen Computer kombinieren lassen, auch wenn dieser keineswegs die Spreu vom Weizen sondert. Eine schöne dreisprachige Lösung hat Magnus Bodin aus Schweden entwickelt.

Zur einstweiligen Lösung des Problems hat N. Arnaud (in Critique 17, 1961) den Kritikern vorgeschlagen, das Ganze als ein Gesellschaftsspiel zu betrachten (wogegen Queneau vermutlich nichts einzuwenden hätte). Ist aber die bloße Tatsache, ein unvollendbares kombinatorisches Spiel vor sich zu haben, tatsächlich bereits eine hinreichende Quelle der Faszination und des Kunstvergnügens? Abraham Moles hat hier Zweifel und sieht den westlich geprägten Menschen in einen Zeitplan eingespannt, "aus dem die spielerische Verschwendung einer kostenlosen Zeit ausgeschlossen ist" (Kunst & Computer, Köln 1973).

Oulipo

Raymond Queneau

Den Beziehungen zwischen Mathematik und Literatur ist Queneau mit Vorliebe nachgegangen. Zusammen mit Gelehrten und Künstlern (unter ihnen Claude Berge, François Le Lionnais, Jean Lescure, Marcel Duchamp, später auch Georges Perec) gründete und betrieb er den Arbeitskreis Oulipo: Ouvroir de Littérature Potentielle.

Queneau kennzeichnet den Oulipo als ein Forum, das Schriftstellern neue Strukturen und Methoden (mathematischer, algorithmischer, jedenfalls künstlicher Art) vorschlagen möchte. Er betont dabei den bescheidenen Anspruch der Gruppe, etwa im Vergleich zu einem "wissenschaftlichen Seminar" oder einer "literarischen Schule", und er verteidigt den "naiven", vorstudienhaften Charakter ihrer Forschungen. Denn – so erinnert uns Queneau – erscheinen nicht auch, aus heutiger Sicht, respektable Gebiete wie Zahlentheorie, Topologie oder Wahrscheinlichkeitstheorie in ihren Anfängen eher als Sammlungen unterhaltungsmathematischer Probleme?

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