Die sog. Stunde Null übt eine zwiespältige Faszination aus, an der die Zerologie nicht vorbeigehen kann. "Null" evoziert die Vorstellung einer tabula rasa, eines Trümmerfelds nach einer (beinahe) alles verheerenden Zerstörung. Man kann nun die Zukunft neu beginnen, die Dinge wieder aufbauen und dabei alles besser machen. Oft kreist das Interesse aber auch um den zurückliegenden 'gelungenen' Akt der Destruktion. Dieser stellt unsere Existenz in Frage und beweist denen, die mit Schaudern und Entsetzen an ihn denken, dass sie immer noch existieren.
In Filmen, Romanen etc., die solche Szenarien fingieren, lässt sich diese Spannung gefahrlos und beliebig wiederholbar erleben; die zurückliegende Dekade mit ihren Endzeitfantasien beweist dies zur Genüge. Der Ausdruck Ground Zero, weltbekannt seit dem Anschlag auf die Zwillingstürme des New Yorker Welthandelszentrums, geisterte schon lange vor dem 11. September 2001 durch die angelsächsische Bücherwelt. Er zielt dort auf radioaktiv dauerhaft verseuchte Territorien (in Japan, in Nevada, ...) ebenso wie auf die finale Bedrohung durch nicht-beherrschbare Killer-Viren. Der Roman Ground Zero von Patrick Lynch ist ein Beispiel für die fiktionale Verwertung dieses Szenarios:
Von der Herbeiführung eines Null-Zustands träumen immer wieder ideologische Fanatiker, religiöse Heilsprediger und gelegentlich auch Künstler. Die spanische Tageszeitung ABC zitierte kurz nach dem New Yorker Desaster ein älteres Gedicht Rafael Albertis, das den Zwillingstürmen ihren schmählichen Zusammensturz voraussagt. Mochte das bis dahin noch als (poetisch verbrämte) 'Kritik' am Kapitalismus verstanden werden, so feierte der Komponist Karlheinz Stockhausen die reale Zerstörung der Twin Towers als "das größte Kunstwerk überhaupt". Sind es enttäuschte demiurgische Fantasien, die hier in ihr Gegenteil umschlagen: in den Wunsch nach Auflösung der materiellen Existenz? Stockhausen hatte übersehen, dass dieses Ziel allenfalls virtuell, d.h. im Modus der Kunst und innerhalb der von ihr geschaffenen Scheinwelt verfolgt werden kann. Für die Realität ist die Kunst nicht zuständig.
Die Idee, durch meditative, künstlerische oder sonstige Praktiken zu einer (auf subjektive Empfindungen bezogenen) Immaterialität vorzustoßen, ist nicht neu. In der Kunstszene nach dem Zweiten Weltkrieg verschrieben sich ihr vor allem Yves Klein und die Gruppe ZERO (Piene, Mack, Uecker, u.a.), die sich seit 1958 in Düsseldorf aus einer Reihe von Abendausstellungen entwickelte. Klein propagierte eine "Entwicklung der Kunst zum Immateriellen", unter anderem durch Monochromie, Monotonie und "absolute Stille". Hinzu kommen Inszenierungen und gestische Aktionen, über deren Sinn gerätselt werden darf wie hier die rituelle Übergabe einer "Zone immaterieller Sensibilität" (zusammen mit Dino Buzatti Anfang des Jahres 1962, in dem Klein starb):

Bildausschnitt aus Vernissage Nr. 10/94
Yves Klein: "Jetzt will ich über die Kunst hinaus über
die Sensibilität hinaus über das Leben hinaus. Ich will in
die Leere gehen." (Tagebuchnotiz, 1962)
Auch die Gruppe ZERO beschäftigte sich mit der künstlerischen (!) Überwindung von Materialität. Dazu entwickelte sie eine neue artifizielle Erfahrungswelt aus dynamischen Lichtwirkungen. Otto Pienes "Lichtballett", Projektionen auf bewegliche transparente Stoffe, sollte im Betrachter ein Raumempfinden hervorrufen, "in dem die Schwerkraft viel Macht verloren hat". Für Heinz Mack ist die (in Vibration versetzte) Farbe "das Prinzip einer neuen Harmonie, deren kontinuierliche Ausstrahlung die Trauer des Endlichen verneint".

Heinz Mack bei der Arbeit an einer gerillten
Reflektorfläche
Bildausschnitt aus dem Dokumentarfilm 0x0=kunst (von Gerd Winkler)
(Hessischer Rundfunk, 27. Juni 1962)
Seine silbrig-metallischen Stelen errichtete Mack 1968 in der Sahara, um die von ihm angestrebte "vibrierende Lichterscheinung zu forcieren". Mack: "Das unvergleichliche Licht der Wüste vibrierte glühendhell in meinen Objekten, die hier unter diesem Himmel eine einzigartige Erscheinungsweise gewinnen können, da das Licht ihre Materialität vollkommen überstrahlt." (zit. nach R.-G. Dienst: Deutsche Kunst: eine neue Generation, Köln 1970).

Salon de Lumière: Beitrag von
Mack, Piene und Uecker
zur Ausstellung Nul im Stedelijk Museum, Amsterdam (1962)

Günther Ueckers Markenzeichen sind "Nagelbilder": Stahlstifte
werden zu mehr oder weniger streng geometrischen Mustern in Oberflächen
eingeschlagen und zuletzt mit (meist weißer) Farbe übertüncht.
Licht und Schatten spielen dabei zusammen, und Relativbewegungen von Objekt
zu Betrachter erzeugen Strukturen von veränderlichem optischen Reiz. Auf
den ersten Blick wirkt das Verfahren 'bodenständiger', weniger fixiert
auf die reine Lichtwirkung.
Dazu passt: Uecker zeigt sich im beschmuddelten Arbeitskittel (anders als etwa Yves Klein, der stets Anzug und Fliege trug, wenn er sich beim Hantieren mit Flammenwerfern und Farbeimern den Medien präsentierte). Ist die dunkle Farbe auf Ueckers Kittel etwa ein Hinweis darauf, dass der Künstler neben Weiß auch andere Farben verwendet hat? Er scheint mit beiden Beinen fest auf dem von ihm geschaffenen Grund zu stehen, und möglicherweise sind die dunklen Flecken einfach durchs Heimwerken in Haus oder Garten zu erklären.
Das Foto zeigt drei große, gleichabständig genagelte Gitter (hier
zu einer räumlichen Ecke zusammengestellt). Kleinere Quadratgitter dieser
Art verwendet man unter der Bezeichnung Geobrett gerne als mathematisches Unterrichtsmittel.
Da freut es einen Didaktiker der Mathematik, auf diese Weise auch einmal durch
die bildende Kunst bestätigt zu werden (auch wenn die kostspieligen Originale
ihrem Erwerb als Lernmittel entgegenstehen dürften).
Übrigens ...