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  Don Juans Liebe zur Geometrie

"Ich fühle mich frei wie noch nie, Roderigo, leer und wach und voll Bedürfnis nach männlicher Geometrie."
10.11.2002 & 05.05.2003
A. Schreiber
Max Frisch:
Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie (1962)
Zum 50. Jahrestag der Uraufführung am 05.05.1953


Was hier Don Juan dem staunenden Freunde Roderigo gesteht — nimmt es sich nicht aus wie eine perfekte Verdichtung so recht verpönter, politisch unkorrekter Klischees? Vor Stimmungen, die (wie könnte es anders sein) schwankend sind und trüb wie ein "Sumpf", graust es dem Helden, sehnt er sich doch nach Reinheit, zum Beispiel nach "dem Lauteren eines geometrischen Orts".

"Vor einem Kreis oder einem Dreieck hab ich mich noch nie geschämt, nie geekelt. Weißt du, was ein Dreieck ist? Unentrinnbar wie ein Schicksal: es gibt nur eine einzige Figur aus den drei Teilen, die du hast, und die Hoffnung, das Scheinbare unabsehbarer Möglichkeiten, was unser Herz so oft verwirrt, zerfällt wie ein Wahn vor diesen drei Strichen. So und nicht anders! sagt die Geometrie. So und nicht irgendwie! Da hilft kein Schwindel und keine Stimmung, es gibt eine einzige Figur, die sich mit ihrem Namen deckt." (Ausgabe Suhrkamp 1965, S. 48 f)

Kurzum, Don Juan liebt die Frauen nicht wirklich, und ebensowenig das Leben, das bekanntlich, wie diese, unbeständig ist und unsicher angesichts des "Scheinbaren unabsehbarer Möglichkeiten". Halt und Rettung sucht er in der Mathematik. Er versteht sie, platonisch, als ein objektives Reich gedanklicher Dinge (Ideen). Wer sie erkennen will, muss sich zunächst von der sinnenhaften Erscheinungswelt lösen. Schon Platon hat deren Realität als trügerisches Schattenspiel beschrieben, projiziert an die innere Wand einer Höhle:

Platons Höhlengleichnis
gezeichnet von Günter Schulte

"Die Welt außerhalb der Höhle steht für die unsichtbare Welt des Geistes. ... In der Höhle amüsieren sich die Menschen, gefesselt an Hals und Schenkeln, beim Kino, d.h. mit der virtuellen Realität."

Aus Schulte: Schnellkurs Philosophie, Dumont, Köln 2000, S. 35

Quelle: Günter Schulte, Philosophie der letzten Dinge, Diederichs: München 1997

Wer diesen dunklen Ort verlässt, gelangt ans Licht und zur Erkenntnis — eine zweite Geburt, bei welcher der Mann Sokrates, Sohn immerhin einer Hebamme, behilflich ist. Auch die Neugeborenen sind durchweg Männer. Frauen, als den Besitzerinnen der Höhle (Uterus), dürfte diese philosophische Mythe, die ihr Geschlecht herabsetzt, von vornherein wenig einleuchten. Warum sollten sie sich für ein ewiges Reich abstrakter Geltung, jenseits und unabhängig von allem Leben, interessieren? Warum interessieren sich Männer dafür?

Don Juan ist solch ein Mann. "Ich fürchte mich nicht vor Männern", verkündet er trotzig, als ihm drei Degen an den Kragen wollen. Tod — für Juan Tenorio ist das vor allem ein Reim aufs andere Geschlecht: "Das Weib erinnert mich an Tod, je blühender es erscheint." Da überrascht es kaum, dass es die Geistlichkeit ist, von der er sich noch "am allerbesten" verstanden fühlt! "Wieso hat er denn nicht geheiratet?", fragt er und meint den verdutzten Pater Diego. Die einfache Antwort: "Er nennt es Gott, ich nenne es Geometrie; jeder Mann hat etwas Höheres als das Weib, wenn er wieder nüchtern ist."

La calavera de Don Juan Tenorio (J. G. Posada)
Ausschnitt aus: Don Juans Totenschädel (von José Guadalupe Posada, 1851-1913)
Aus: Posada Printmaker to the Mexican People ©1944 by the Art Institure of Chicago

Der unsinnlich reine Ort der Geometrie, nach dem Don Juan sich sehnt und den er in einem Männerkloster zu finden glaubt — es ist ein Friedhof metaphysischer Gespenster. Wir dürfen vermuten, dass der männliche Held, da er deren Schattenspiel zu lange gefolgt ist, die Liebe zu den Frauen verfehlt hat und, in mancher Hinsicht, selbst die zur Mathematik. Wie auch immer, am Ende ist er so unsterblich geworden.