| denkzettel nr. 72 | |
| Physik für Aussteiger "Nur die 'Pataphysik unternimmt nichts, um die Welt zu retten." |
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| 02.02.2003 / A. Schreiber | Collège de 'Pataphysique |
Die Physik hat sich im Verlauf ihrer Geschichte einige Präfixe gefallen lassen. Von Aristoteles (384-322 v. Chr), der ein weltnaher Philosoph war mit weitgespannten Interessen von der Staats- bis zur Naturkunde, ist unter dem Namen Physik eine aus 8 Teilen ("Büchern") bestehende Vorlesung überliefert. Als dann nach seinem Tod von seinen Schülern 14 weitere Bücher allgemein-grundlegenden Inhalts (zur so genannten Ersten Philosophie) zusammengestellt worden waren, landete der Ordner im Regal hinter der Physik (metà tà physiká). Viel später, womöglich erst bei Boethius im 6. Jahrhundert n. Chr., soll dafür der Name Metaphysik aufgekommen sein. Wo immer sich diese Metaphysik zu sehr ins Allgemeine vertieft hat oder sich gar auf einer höheren Erkenntnisstufe wähnte, musste sie dem kritischen Betrachter als "ein Hinüberfliegen in eine ganz andere Welt" (J. Hirschberger) erscheinen.

Giorgio de Chirico: Le grand métaphysicien, 1924/25
Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie
Immanuel Kant (1724-1804), der in seiner Kritik der reinen Vernunft der Metaphysik bestimmte Grenzen aufwies, versuchte gleichwohl Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft (1786) auszumachen: eine Art spezifisches Vorwissen von der "körperlichen Natur", das uns überhaupt erst in die Lage versetzt, physikalische Erfahrungen zu machen. Paul Lorenzen und seine "Erlanger Schule" haben, angelehnt an Ideen von Hugo Dingler (1881-1954), Ähnliches versucht. Ihre so genannte Protophysik zu ihr zählen Protogeometrie, Chronometrie und Hylometrie geht von technischen Herstellungsnormen aus, die eine theoretische Idee ausdrücken und auf diese Weise Grundbegriffe (z.B. der räumlichen und zeitlichen Ordnung) und zugehörige Messprozesse (der Längen-, Zeit- und Massebestimmung) konstituieren sollen. Das ehrgeizige Vorhaben, von philosophischem Boden aus in die Physik einzusteigen, ist allerdings in den Kinderschuhen stecken geblieben. Es erinnert an die wissenschaftliche Selbstvergewisserung der "Ersten Philosophie" und daran, wie heikel es ist, wenn wir "versuchen, die Handlungen nachzuvollziehen, mit denen wir mitten im Meer des Lebens schwimmend uns ein Floß oder gar ein Schiff erbauen könnten" (P. Lorenzen: Methodisches Denken, 1968).
Umso leichter gelingt der Ausstieg! Um ihn hat sich allen voran Alfred Jarry (1873-1907) verdient gemacht, bizarrer Bohémien und Schöpfer des Ubu Roi (jenes fratzenhaften Tyrannenmonsters, das 1896 bei der Uraufführung des gleichnamigen Bühnenstücks einen der größten Skandale der Pariser Theatergeschichte hervorrief). Jarry besaß einen ausgeprägten Sinn fürs Burleske, Absonderliche und Absurde, dem auch die Figur des Dr. Faustroll entsprang. In den Gestes et Opinions du Docteur Faustroll (1911) stellt Jarry seinen Titelhelden unter der Berufsbezeichnung pataphysicien vor, als Vertreter einer "Wissenschaft der imaginären Lösungen", Pataphysik genannt. Diese sucht, anders als die gewöhnliche Wissenschaft, nicht das Allgemeine und nach Gesetzen Erklärbare. Ganz im Gegenteil. Ihr Thema sind das Besondere, das Abseitige, die Kontingenz, die Ausnahmen von den Regeln und die Artefakte der Fantasie, die sich jeder Rationalität entziehen.

Alfred Jarry alias Père Ubu
Begründer der 'Pataphysik
Wird hier die Wissenschaft von einem schrullig-verschrobenen Spinner durch den Kakao gezogen? Oder handelt es sich nur (wie Wolf Wondratschek in einem Widmungstext meint) um den "Einbruch des Humors in die Metaphysik"? Die 'Pataphysik (von ihrem Gründervater mit vorangestelltem Apostroph geschrieben) weist diesen naheliegenden Aspekt immer wieder weit von sich; aber vielleicht gehört gerade das zum Humor der 'Pataphysik. Mutwillig ignoriert sie die Grenze zwischen Sinn und Unsinn und gewinnt so die Freiheit, sich in allen erdenklichen Gefilden zu ergehen. Über Beliebiges kann man nun ebenso beliebig reden, ohne eine Antwort zu suchen oder Gesagtes verantworten zu müssen. 'Pataphysik definiert sich als "das Ende aller Enden", über das wir keinen Schritt hinausgehen können; sie steht laut Jarry "so hoch über der Metaphysik ..., wie diese über der Physik". Das eingangs zitierte Motto "Nur die 'Pataphysik unternimmt nichts, um die Welt zu retten" gilt denn auch als Wahlspruch des Collège de 'Pataphysique, eines 1950 gegründeten Forums, dem zeitweilig bekannte Literaten und Künstler angehörten wie Raymond Queneau, Boris Vian, Jacques Prévert oder Jean Dubuffet.

Raymond Queneau (1903-1976)
Die angehefte Plakette zeigt eine Spirale, Emblem der 'Pataphysik.
In Nr. 1 der Cahiers du Collège de 'Pataphysique findet sich ein Beitrag Queneaus über die "aerodynamischen Eigenschaften der Addition". Aerodynamisch? Queneau erinnert an Dostojewski, der in seinen Aufzeichnungen aus einem Kellerloch von der Gleichung 2 + 2 = 4 meinte, sie sei kein Leben, vielmehr Beginn des Todes. Hatte der russische Dichter somit eine Schwäche ("faible") für die Gleichung 2 + 2 = 5, weil diese nun umgekehrt auf Wiederauferstehung und Leben verweist? Akzeptiert man die Hypothese, wonach es der Wind ist, der (nach hinduistischer Vorstellung) die Seele in himmlische Regionen hebt, von wo sie dann zu ihrer Reinkarnation wieder hinabsteigt, so scheint die nötige Verbindung von Wind und Addition hergestellt. Man solle wagen zu leben, da der Wind sich hebt verkünden auch Paul Valéry und Boris Vian (wenn wir Jean Borzig's Essay über den Pataphysiker Queneau folgen dürfen: "Le vent se lève, il faut tenter de vivre"; vgl. Andrée Bergens, ed.: Raymond Queneau. Editions de l'Herne. Genève, S. 297). Violà! Charmant und augenzwinkernd plaudert der Pataphysiker hier etwas aus, das von einer freundlichen Mittelmeerbrise davongetragen wird und uns den "nassen Schnee" des winterlichen St. Petersburg vergessen lässt, jenes Leichentuch, unter das der Kellerlochmensch die von ihm zynisch verletzte Mitwelt samt aller Vernunftordnung begraben sehen möchte.
Eine gewisse Verwandtschaft von 'Pataphysik und Surrealismus ist offenkundig, und ein flüchtiger Blick auf die weltweiten Aktivitäten dieses Genres zeigt: 'Pataphysik dient in der Tat vor allem dazu, literarische Texte zu produzieren oder andere Objekte von Aufmerksamkeitswert hervorzubringen, z.B. das Pataphon. Dazu passt die Tatsache, dass es schon vor der Zeit Alfred Jarrys so manchen unfreiwilligen Pataphysiker gab, etwa Léopold Hugo, einen Neffen des Dichters Victor Hugo. Auf seine "Theorie des Equidomoïds" sowie weitere höchst barock anmutende Titel ("Géometrie hugodomoïdale ...", "La théorie hugodécimale ...", etc.) hat Queneau in einem Beitrag für die Nr. 7 der Cahiers du Collège de 'Pataphysique hingewiesen (dt. Übers. "Ein Hugo als Mathematiker", in R. Queneau: Mathematik von morgen, München 1967, S. 92 ff).
Übrigens hat sich auch Queneau selbst mathematisch betätigt, z.B. beim Versuch einer Verallgemeinerung der Fibonacci-Folge, was zeigt, dass ihn das zuvor pataphysisch angegangene Thema "Addition" nicht losgelassen hat. Sein Artikel Sur les Suites s-additives erschien 1972 im Journal of Combinatorial Theory (A), 12, 31-71. Möglicherweise ist dies ein Indiz für den nicht-pataphyischen Charakter der Untersuchung.