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  Mein Klassiker

"Ergibt etwas Falsches, wenn an sein eigenes Zitat angehängt"
ergibt etwas Falsches, wenn an sein eigenes Zitat angehängt.
30.11.2003 / A. Schreiber W.V.O. Quine
zit. nach Hughes/Brecht: Die Scheinwelt des Paradoxons
Braunschweig 1978, S. 8


Sweet Reason – so lautet der hübsche Titel, den Tom Tymoczko und Jim Henle ihrem Lehrbuch der Logik gegeben haben. Doch auch der süßeste Gebrauch logischen Denkens verhindert nicht, dass der Mensch ab und zu ein bisschen Unvernunft benötigt, eine Prise Nonsens oder eine kleine Paradoxie, wenn man denn von der Logik gar nicht lassen kann. Heute ist so ein Tag. Ein trüber November-Sonntag, um genau zu sein. Im Deutschland-Radio läuft die allwöchentliche Serie “Mein Klassiker”. Promis oder Leute, die es sein wollen oder sein sollen, geben zum Besten, wen oder was sie aus welchen Gründen für ganz große Klasse (eben für ihren “Klassiker”) halten. Klar, dass ein nachwüchsiger Filmemacher irgendeine Filmlegende, sagen wir Kubrik, verehrt, oder dass ein Ex-Minister, der als Jungmann mal Messdiener war, auf die Bibel schwört. Übrigens tut er das jeden Sonntag. Um genau zu sein: er tut es nur ganz kurz im Vorspann der Sendung. Weitere Herren sind darin mit von der Partie, sogar eine Art Ex-Clown aus der Fernsehbranche. Der sagt immerzu: “Diddeldiddeldiiditi diddeldiddeldiiditi … ich glaub, das ist Mozart Köchelverzeichnis soundso …”. Auch Bach kommt vor. Er hat den Bundespräsidenten Zeit seines Lebens “begleitet” – hm! Ich versuche mir das einmal vorzustellen; doch bevor ich dem vielschichtigen Thema der musikalischen Begleitung auf den Grund gehen kann, ist der Promi von heute mit seinem Klassiker durch. Zugegeben, die Sendung würde mich vom Klavierhocker werfen, wenn ich nicht noch im Bett läge (aber es ist Sonntag und die Uhr noch nicht halb neun): Was verrät ein privater Klassiker nicht alles über die Person, für die er es ist! Richtig prickelnd. Ich warte immer darauf, dass irgend jemand mal mutig aus dem Rahmen fällt und z.B. Dagobert nennt … Wie bitte? Ich meine den besserverdienenden Onkel der Duck-Dynastie. Der war übrigens erklärter Klassiker des beliebten Bombenlegers, der sich nach ihm genannt, es dann aber doch nicht ganz so weit gebracht hat wie der Alte aus Entenhausen. Und warum soll nicht auch mal eine Frau wie Pamela Anderson Klassikerin sein? Immerhin spricht sie ohne viel zu sprechen breiteste Schichten an. Nur Geduld, sage ich mir, irgendwann ist es soweit und über all dem schwebt nicht mehr diese bildungsbürgerliche Observanz, die sowieso klar auf dem Rückmarsch ist. Mozart als Klassiker zum 100-ten Mal? Nein, Danke. Allenfalls noch als diddeldummiges Überbleibsel im Vorspann. Und ich, was würde ich eigentlich sagen, wenn ich meinen ganz persönlichen Klassiker nennen sollte? Ziemlich lang habe ich mich mit dieser Frage gequält, obwohl man mich aus irgendwelchen Gründen noch nie danach gefragt hat. Egal, am Ende habe ich die Antwort gefunden: Mein Klassiker ist die Sendung “Mein Klassiker”! Irgendwie überläuft mich dabei von ganz ferne eine Ahnung, wie Gertrude Stein sich (bildlich gesprochen) im Grabe wendet, um den letzten noch lebenden Bildungsbürgern zuzurufen: Mein Klassiker ist Mein Klassiker ist Mein Klassiker ist … – und die würden es verstehen.