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  Gebrauchsanleitung für Vorlesungen?

“Wer spricht von Siegen, überstehn ist alles.”
12.03.2005 / A. Schreiber Rainer Maria Rilke (1875-1926)


Benötigt jemand, der zum akademischen Studium berechtigt ist, eine Gebrauchsanleitung für Vorlesungen? – Schon 1836 meinte der berühmte Pädagoge Adolf Diesterweg in seiner Schrift Über das Verderben auf den deutschen Universitäten darüber klagen zu müssen, dass “die meisten Studierenden … an leeren Formeln hängen” und “ein angestrengtes Selbsterarbeiten … erst in der letzten Zeit vor dem Examen und aus Furcht vor demselben” unternähmen, usw. usw. Mehr als anderthalb Jahrhunderte sind seitdem verstrichen. Dies sollte genügen, alle diejenigen, die gerne den pädagogischen Zeigefinger auf altbackene Bildungswerte richten, davon zu überzeugen, Ermahnungen dieser Art nicht immer wieder aufs Neue hinauszuposaunen.

Moderne, aufgeklärte Menschen sollten sich von diesen Illusionen verabschieden und unverdrossen die Minima Moralia des realen akademischen Lebens zur Kenntnis nehmen, wie sie exemplarisch in den folgenden Geboten für Hörer und Hörerinnen von Vorlesungen niedergelegt sind:

 

  1. Du sollst nicht zu spät kommen.
  2. Du sollst erst recht nicht zu früh hinausgehen.
  3. Du sollst dich nicht mit deinen Nachbarn unterhalten.
  4. Du sollst dein Handy abschalten.
  5. Du sollst nicht essen.
  6. Du sollst keine Getränke zu dir nehmen.
  7. Du sollst deinen Hund draußen lassen.
  8. Du sollst keine Papierflieger werfen.
  9. Du sollst nicht meinen, alles sofort verstehen zu sollen.
  10. Du sollst dich nicht freuen, wenn eine Vorlesung ausfällt.

In der guten alten Zeit brauchte man diesen Kanon studentischen Wohlverhaltens niemandem vorzusingen, er verstand sich in gewissem Sinne noch von selbst. Auch war es leichter möglich und üblich, sich an die verkündeten Regeln zu halten, etwa einfach dadurch, dass man der Vorlesung fernblieb. Heute, da diese vornehmste Form akademischer Freiheit längst dem allgemeinen Hang zur Verschulung geopfert ist, dürfte man kaum noch jemanden finden, der bereit wäre, sich kritiklos einer derart willkürlichen und freudlosen Vorschriftendiktatur zu unterwerfen. Vor diesem Hintergrund erscheint es ratsam, das Für und Wider der hier aufgestellten Gebote – zumeist handelt es sich ja nur um schnöde Verbote – eingehend zu diskutieren.

Um leichter in die Dialektik der Sache hineinzukommen, mag die Anregung hilfreich sein, sich einmal einen 'beliebigen' Hörer (nennen wir ihn Heino) vorzustellen, der sich, dem hedonistischen Prinzip folgend, ebenso mutig wie entschlossen über einengende Vorschriften hinwegsetzt. Natürlich kommt er zu spät in die Vorlesung. Allerdings nicht ohne Grund, denn in der Cafeteria, wo Heino sich selbst und drei Freunde mit Kaffee zu versorgen hatte, war eine lange Warteschlange abzuarbeiten. Schließlich betritt er, ein reich bestücktes Tablett in Händen, zehn Minuten nach Vorlesungsbeginn den Hörsaal. Nach lebhafter Begrüßung verzehren Heino und seine Freunde gemütlich kleine Backwaren zum Kaffee. Dabei unterbrechen sie hin und wieder ihre angeregte Plauderei, um zur Kontrolle einen flüchtigen Blick auf die Tafel zu werfen, die sich inzwischen bedrohlich mit Formeln gefüllt hat. Als der Vortragende darangeht, den Anschrieb fortzuwischen, protestieren die Freunde und reklamieren zusätzliche Zeit für die Mitschrift. Noch bevor Heino einen Kugelschreiber organisiert hat, erhält er auf seinem Handy einen Anruf von seiner Freundin, die ihn sehen will. Der trendige Klingelton (Beethovens Fünfte) ruft allgemeine Heiterkeit hervor. Heino erwidert diese Form der Aufmerksamkeit mit neckischen Gesten, während er sich aus dem Hörsaal entfernt. – Leider hat er keinen Hund. Auch das Falten guter Papierflieger war nie seine Stärke. Überhaupt ist er bescheiden genug, um bewusst und systematisch gegen das neunte Gebot verstoßen zu können. Da die Vorlesung nicht ausfällt, gibt es diesmal auch keine Gelegenheit, das zehnte Gebot zu übertreten.

Was können wir von dem (natürlich rein fiktiven) Fall Heino lernen? Vor allem wohl eines: Nicht eben fantasievolle Verhaltensregeln wie die oben genannten haben zahlreiche Ausnahmen, die weit über die im Beispiel angedeuteten Möglichkeiten hinausgehen. Der Lehrkörper muss sich also warm anziehen, wenn er mit den Betroffenen über Begründungen diskutieren und letztendlich zu ausgewogenen Lösungen gelangen will. Ich möchte daher, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Gesichtspunkte pro oder contra beisteuern, die bisher vielleicht noch nicht ausreichend beachtet wurden (was kritische Leser und Leserinnen nicht davon abhalten soll, weitere Argumente zu finden).

Zu 1. – Häufiges Kommen und Gehen in laufender Veranstaltung verleiht dieser den Charakter einer Non-Stopp-Vorstellung in der Schleife; das Ganze wirkt so viel zeitgemäßer als ein sturer, linear von A bis Z ablaufender Frontalvortrag, auf den alle fixiert sind.

Zu 2. – Ein oft übersehenes Pro-Argument: Wer zu früh den Raum verlässt, erfährt vielleicht nicht rechtzeitig, dass die Folgeveranstaltung ausfällt. Unter Umständen führt das beim nächsten Mal zu unfreiwilliger Einhaltung des zehnten Gebots.

Zu 3. – Diese Regel ist nicht ganz unsinnig, sofern sie sich auf Nachbarn bezieht, die in der Lage sind, prüfungsrelevante Informationen während der Vorlesung herauszufiltern und an ihre Kommilitonen weiterzugeben.

Zu 4. – Auch Akkus verdienen hin und wieder etwas Schonung.

Zu 5. – Zu viele Zwischenmahlzeiten gehen zu Lasten der Figur, schaden den Zähnen (Plaque-Bildung usw.) und begünstigen Mundgeruch.

Zu 6. – Argumentation wie bei Nr. 5 (soweit es sich um zuckerhaltige Flüssigkeiten handelt). Allerdings: Nichtbeachtung führt zu erhöhtem Harndrang. Auch sind – was regelmäßig übersehen wird – Vortragende, die meist mit trockener Kehle sprechen, aus Höflichkeit in die Versorgung miteinzubeziehen.

Zu 7. – Dies ergibt sich zweifelsfrei aus den Richtlinien des Tierschutzes.

Zu 8. – Das Verbot zielt ins Leere, außer vielleicht bei Studenten der Ingenieurswissenschaften.

Zu 9. – Ebenfalls ein Verbot mit eingeschränkter Plausibilität. Es lässt sich allenfalls für Fächer geltend machen, in denen Dinge gelernt werden müssen, von denen man (z.B. aus der eigenen Schulzeit) noch nichts Genaues weiß.

Zu 10. – Auf den ersten Blick scheint es so, als wolle man Studierenden wieder einmal das scheinheilige Ideal der Bildungsbeflissenheit aufdrängen. Weit gefehlt! In Wahrheit geht es wohl darum – so jedenfalls verlautet es aus eingeweihten Kreisen –, dass man in der mentalen Einübung dieser Regel eine erste Vorbereitung auf das in Zukunft zu erwartende Bezahlstudium sieht.