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  Der erste Denkzettel

“Alle ihre Werke aber tun sie, daß sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Denkzettel breit, und die Säume an ihren Kleidern groß.”
15.03.2005 / A. Schreiber Matthäus 23,5


Oberflächlich betrachtet ist ein Denkzettel (im Latein des Mittelalters cedula genannt) ein kleines Stück Papier, auf dem Dinge notiert werden, die man sich merken möchte oder sollte – wenigstens für eine Weile. Ursprünglich war der “Denkzedel” – wie Luther die Stelle in Ev. Matth. 23,5 noch im Jahr 1522 übersetzte – ein Riemen mit Gesetzessprüchen, und es sind Pharisäer, die ihn ebenda öffentlich zur Schau trugen. Dafür verpasste ihnen Jesus einen Denkzettel nach heutigem (jesuitisch geprägten) Verständnis: der erste – zumindest in christlicher Überlieferung – und zugleich vielleicht bedeutendste seiner Art.

Mit dem Denkzettel im ursprünglichen Sinn verbindet sich die Vorstellung eines parteiischen Gottes, der penibel Buch führt über ihm genehme fromme Eiferer, aber auch über den Rest der Unfrommen, denen nichts Gutes verheißen wird für den Tag des Jüngsten Gerichts. Auch spätere Varianten nehmen dem Zettel nichts von seinem Drohcharakter. Im Gegenteil, auch die mittelalterliche cedula war eine Vorladung vor Gericht! In den Händen der Jesuiten wurde der Denkzettel zu einem erzieherischen Instrument, genau besehen zu einem Folterwerkzeug. Dieses bestand in einer Liste, in die man die Verfehlungen und schlechten Neigungen eines Schülers eintrug. Der arme Tropf hatte den Zettel bei sich zu tragen und jederzeit damit zu rechnen, dass ihm das daraus resultierende Maß handgreiflicher Züchtigung zuteil ward.

Diese Tradition der Denkzettel wird, in geistig verfeinerter Form, bis auf den heutigen Tag weitergepflegt, vor allem von denjenigen, die noch irgendwelche Rechnungen offen haben oder sich gerne streitbar mit einer Sache oder Person auseinandersetzen. Wurden etwa – um bei Glaubensfragen zu bleiben – noch Mitte des 18. Jahrhunderts von C. S. Ulber Erbauliche Denkzettel über die Sonn-, Fest-, Paßions- u. Bußtags-Predigten herausgegeben, so lässt ein von Karlheinz Deschner verfasster Kleiner Denkzettel zum 'Großen Bußakt' des Papstes im Heiligen Jahr 2000 ein ganz anderes “Memento!” vernehmen. – Gar nicht wenige Bücher haben “Denkzettel” als wörtlichen Titel, unter ihnen “Politische Erfahrungen im Zeitalter der permanenten Revolution” von Leo Trotzki, “Politische Reden und Aufsätze 1965-1976” von Günter Grass oder eine Reihe von Texten des Kabarettisten Dieter Hildebrand.

Denkzettel, wie ich sie hier verstehe, zielen auf das Denk- oder Fragwürdige, das uns auch im Umfeld der Mathematik (mithin in einigem Abstand von Glaubens- oder Politikfragen) immer wieder begegnet. Gelegentlich werden sie – so wie man es erwartet – jemandem verpasst. Allen Erschrockenen sei aber zur Beruhigung die Entwarnungsfloskel von Hundebesitzern entgegengehalten:

“Der tut nix” …

Wilhelm Busch: Plisch und Plum

Plisch und Plum (Wilhelm Busch)