Würde in unserer Zeit ein Autor seinem neuesten Lehrbuch einen Titel geben wie Einführung in die moderne Algebra? Vermutlich kaum. Man hat längst begriffen, dass, was heute als modern gilt, schon morgen veraltet sein kann oder, in günstigeren Fällen, über kurz oder lang zum klassischen Bestand gehört. Nicht anders ist es der so genannten Moderne selbst ergangen. Sie wurde so oft beschworen und gründlich erörtert, dass ich dem nichts hinzuzufügen brauche. Außerdem leben wir längst in der Postmoderne (aus der wir nach Meinung einiger Intellektueller sogar schon wieder heraustreten aber wohin?). Den ultimativen postmodernen Wahlspruch hat der Philosoph Paul Feyerabend ausgegeben: Anything goes. In erster Linie bedeutet das: Niemand soll sich einbilden, er habe die Vernunft gepachtet, und noch weniger sollten sich beamtete akademische Durchschnittsphilosophen und -phinnen einbilden, es gäbe überhaupt so etwas wie 'Vernunft'. Rationalität? bei genauem Hinschauen nichts als eine Wahnvorstellung! Wenn man z.B. nur lange genug sucht, wird man mit Feyerabend Indizien dafür finden, dass Galilei gar nicht in dem Sinne recht hatte, wie es uns die nachträglich rationalisierende Wissenschaftsgeschichte von Amts wegen weismachen will. Oder nehmen wir die Hexenprozesse. Immerhin, so erläutert Feyerabend, verdanken sie sich der (theologisch geprägten) Sozialtheorie in Kontinentaleuropa vom 15. bis 17. Jahrhundert und waren nicht immer durch Grausamkeit motiviert, sondern durch fürsorglichen Umgang mit all denen, die zum ewigen Höllenfeuer verdammt gewesen wären, hätte man sie nicht freundlicherweise rechtzeitig schon auf Erden verbrannt (wie die Kinder von Hexen). Und nicht zu vergessen: Einige der Grundgedanken fanden bei großen Teilen der Bevölkerung Zustimmung.
Das wollen wir gerne glauben. Man stelle sich nur vor, die postmoderne Sozialtheorie verkündete der Öffentlichkeit den einzigen Grundsatz, der den Fortschritt nicht behindert: Mach, was du willst! Sowas lässt man sich nicht zweimal sagen. Wenn sogar dem Galilei rationales Vorgehen bei der Wahrheitsfindung abzusprechen ist, wie steht es dann erst um einen normalsterblichen Lehrer? Die Frage beantwortet sich fast von selbst. Man wird ihm nahelegen, sich nicht länger hinter irgendwelchen Institutionen (Wissenschaft, Universität, Schule, etc.) zu verstecken; stattdessen sollte er die Wahrheit im Klassenzimmer konstruktivistisch 'aushandeln'. Am Ende freut er sich dann mit den Schülern und dem Rest der Bevölkerung, wenn der Unterricht ausfällt und womöglich hurra, hurra die Schule brennt. Nur keine Angst. Heute ist man nicht mehr so zimperlich, wenn es darum geht, einfach mal das zu machen, was man will. Das beweisen zum Beispiel die immer öfter anzutreffenden coolen Leute, die zu nachtschwarzer Zeit auf ihrem Bike ohne Licht, aber mit großer Zuversicht durch die Gegend gurken. Wenn sie außerdem weder Ampeln, Einbahnstraßen noch die Vorfahrt beachten, fördern sie so ganz nebenbei die Vielfalt von Ideen und unorthodoxen Verhaltensweisen und tun (ohne es zu wissen) auch noch was für den Humanismus. Weiterer Vorteil: Die objektive Erkenntnis stellt sich bei diesem Verfahren mühelos und manchmal ungeheuer schnell bereits auf der nicht-kognitiven Ebene ein, wenn durch einen unelastischen Zusammenstoß von Bike und gewöhnlichem Pkw der Impulssatz der Mechanik getestet wird.
Mein Schlüsselerlebnis in Bezug auf das, was modernes Leben
im Kern ausmacht, hatte ich vor einer Reihe von Jahren. Meine Frau und ich teilten
damals ein kleines Doppelhaus in Leichtbauweise mit einem Ehepaar, das sich
gerne draußen im Garten aufhielt, wenn das Wetter es nur irgend zuließ.
Natürlich haben auch wir eine Vorliebe für Garten und Terrasse. Während
die Nachbarn jedesmal, wenn sie draußen saßen, der Mitwelt in reichlich
lärmenden Unterhaltungen zu verstehen gaben, wie ungestört sie sich
als frischgebackene Hauseigentümer fühlten, hieß das für
uns, zurück ins Haus zu gehen und alle Fenster und Türen zu schließen,
wenn wir Ruhe haben wollten. Umgekehrt nahmen die Nachbarn daran aber gar keinen
Anstoß. Konnten oder mochten sie sich einmal nicht draußen aufhalten,
so stellten sie ersatzweise ein Radio auf die Terrasse, damit auch wir ihren
Lieblingssender hören konnten. Eines Tages trat ich die Flucht nach vorne
an, stellte mich an den Gartenzaun und bedeutete dem Nachbarn, einem untersetzten
Mann im Muskelshirt, dass ich ihm etwas sagen wollte, was ich denn auch tat.
Meine in höflichster Form vorgetragene Bitte, den Geräuschpegel zu
dämpfen, nahm er ziemlich schlechtgelaunt zur Kenntnis und quittierte sie
mit der breit genäselten Absage: Das ist das moderne Leben. Dabei
bin ich mir ziemlich sicher, dass er Paul Feyerabend überhaupt nicht gelesen
hatte.