| denkzettel nr. 110 | |
| Das Bücherverbrennerchen oder: die neue Vermessenheit der Literaturkritik |
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| 20.02.2007 / A. Schreiber |
Wir brauchen sie, die Literaturkritiker. Aus der alljährlichen Flut druckfrisch gebundener, gelumbeckter und gehefteter Papierstöße, welche in Gestalt von Büchern öffentliche Aufmerksamkeit begehren und allein den aufgelegten Titeln nach dezimal nur noch sechsstellig zu beziffern sind, filtern sie all dasjenige heraus, das sie einem ehemaligen Volk von Dichtern und Denkern als lesenswert empfehlen. Da dieses Volk heute in der Hauptsache fernsieht (eine Tätigkeit, deren Verb sogar die neue Rechtschreibung ungetrennt lässt), muss der moderne Literaturkritiker sich in eben dieser Ferne postieren, um besagtem Volk wenigstens über die Mattscheibe im Wohnzimmer näher zu kommen. Freilich genügt das nicht, denn seine Empfehlungen wirken nur dann mit der ganzen Wucht des Guck-Mediums, wenn ihr Botschafter dessen Regeln beherrscht und das möglichst virtuos. Es kann also kaum überraschen, wenn inzwischen waschechte TV-Promis als Bücherbesprecher auftreten, die sich eigentlich als geruhsame Nachrichtenansager oder hemdsärmelige Zotenreißer ihr Namens- und Markenzeichen gemacht haben. Die sachlich bessere Lösung ist natürlich ein berufsmäßig ausgewiesener Literaturkritiker, der sich darüberhinaus telegen darzustellen weiß. Die höchste Steigerungsstufe ist der Literaturpapst. Dieser sollte eine unverwechselbar markante, mehr noch extravagante, allürenhafte Persönlichkeit an den Tag legen und das Publikum jederzeit aufs Beste und Amüsanteste unterhalten: durch provozierende Zuspitzungen, anmaßende Werturteile und zuchtmeisterliche Aburteilungen mit anschließender Hinrichtung der Delinquenten. Der vermutlich bisher Größte dieser Gattung hat seinen Fernseh-Sessel seit einiger Zeit geräumt, und es sieht so aus, als litten manche Leute unter Entzugserscheinungen, wenn sie nicht Monat für Monat auf harsche Art gesagt bekommen, welche Bücher sie gut oder schlecht finden sollen.
Um die vakante Stelle eines Literaturpapstes bemüht sich seit einiger Zeit, mit Feuereifer sozusagen, ein jüngeres Exemplar der Gattung. Aus Gründen, die später ersichtlich werden, könnte man es Bücherverbrennerchen nennen (sein wirklicher Name tut nichts zur Sache, insoweit seine Inszenierung an jene ubiquitären und überpersönlichen Zeitgeisterscheinungen erinnert, die regelmäßig an der Oberfläche medial aufgeschäumter Luftblasen auftreten). Der Leser und die Leserin muss nicht befürchten, hier in politische Unkorrektheiten hineingezogen zu werden; denn ein Bücherverbrennerchen meint natürlich niemanden, der Bücher tatsächlich ins Feuer wirft (wie man es aus alten Schwarzweißfilmen kennt). Das Diminutiv nimmt eben die ernste Bedeutung in ein harmloses Als-Ob zurück. Beispiele: Ein Stöckchen ist kein richtiger Stock, und ein Lüftchen ist keine richtige Luft.
Nun zur Literaturkritik. Hat ein Vertreter dieses Genres Missfallen an einem Buch, so erwartet alle Welt die anständige zumindest , dass er das Machwerk genüsslich-ironisch oder gespielt-zornig verreißt (wohlgemerkt: "ver-") aber doch kaum, dass er ein reales Buchexemplar vor laufender Kamera zerreißt. Andererseits wäre eben genau das im Guck-Medium besonders attraktiv. Versuchen Sie es mal, lieber Leser! Damen brauchen sich hier nicht angesprochen zu fühlen, weil das Zerreißen von Büchern, selbst von dünnen Taschenbüchern aus neuerer Fertigung, nur von den stärksten Mannsbildern zu leisten ist (ich erinnere mich an solche Nummern auf Jahrmärkten oder im Zirkus, wo üblicherweise Telefonbücher dran glauben mussten, alte zumal). Und überhaupt, kann die Wut eines normalen Kritikers auf ein Buch so groß sein, dass er in der Lage wäre, es glatt durchzureißen? Die Antwort liegt auf der Hand, wenn man allein bedenkt, dass er das Buch eines von vielen Dutzenden, die ihm jeden Monat unverlangt ins Haus geschickt werden häufig genug nur aus dem Klappentext und den Rezensionen seiner Kollegen kennt. Auch der hier in Rede stehende Telekritiker hat das klar erkannt und nach zeitgemäßeren Mitteln Ausschau gehalten, sich mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein als Herr der Bücher in Szene zu setzen. Ein Auftritt im angewärmten Opasessel umringt von Quartettspielern scheidet da von vornherein aus. Dafür trifft man ihn mal im Wüstensand an, mal durch Baumalleen radelnd oder in einer Art von Hochgerüst sitzend stets an ausgesucht event-orientierten Lokalitäten, wo er den Autoren der von ihm gelobten Bücher belanglose Fragen stellt. Da ich nicht alle Folgen der Serie gesehen habe, weiß ich nicht, ob er schon auf hohem Ross dahergeritten kam oder einen Einsatz als Rettungsschwimmer im Mainstream absolviert hat. Immerhin wären das sonst ja Anregungen.
Für die Masse der Bücher gibt's eine Express-Kritik. Das Urteil je Buch dauert etwa zehn Sekunden (manchmal weniger) und endet in fallbeilscharfer Entschiedenheit (für Gutgläubige neuerlich einmal mit dem Zusatz: "Bitte vertrauen Sie mir!"). Das äußere Ambiente ist feinsinnig auf das mechanische Schnellverfahren abgestimmt: etwa als Lagerhaus oder Warenmagazin, irgendwie an einen Industriebetrieb erinnernd. Ein abermaliges Empfehlungslob ernten meist mehrfach positiv vorrezensierte Werke etablierter Autoren. In der gebotenen Kürze gibt sich der Expresskritiker aber auch schon mal differenzierter, z.B. bei dem zu Beginn des Jahres 2007 n. Chr. schon etliche Monate auf diversen Bestsellerlisten geführten und glänzend abverkauften Titel "Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt". Ja ja, der Autor schreibe gut, bekommen wir da zu hören: aber so gut auch wieder nicht. Nun wissen wir's. Und was geschieht mit den abgelehnten Büchern? Wie erklärt unser Kritiker seinen abgestumpften nachhilfebedürftigen Guck-Medium-Usern, dass sie dieses oder jenes "ärgerliche" (!) Buch nicht zu lesen, geschweige denn zu kaufen brauchen? Verreißen kann er es nicht; dazu wäre ein (wenn auch noch so kleiner) argumentativer Diskurs erforderlich. Zerreißen kann er es auch nicht (siehe oben). Er könnte es aber wegwerfen verächtlich und in hohem Bogen nach hinten über die eigene Schulter ab in einen Container! Und genau das tut er. Natürlich landet dahinein ausschließlich, was keine bessere Behandlung verdient, und nur zartbesaitete Seelen werden besorgt darüber spekulieren, was danach mit den malträtierten Rezensionsexemplaren geschieht. Eine andere Ablehnungsvariante besteht darin, das betreffende Buch mit einem geringschätzigen Stoß auf eine abschüssige Walzenbahn zu befördern, auf der es unter wachsamem Kameraauge langsam, aber zielsicher auf einen Papierkorb zurollt. Immerhin ist da der Aufprall schonender. Diejenigen Bücher, die den Kritikus geärgert haben, müssen sich freilich gefallen lassen, dass er sie grinsend in eine mit Flüssigkeit (ich glaube Milch) gefüllte Schale deponiert. Was kann das nur bedeuten? Soll etwa mit dieser zerstörerischen Durchnässung sozusagen das Gegenteil von Verbrennung dem aufkeimenden Verdacht vorgebeugt werden, hier fände womöglich in aller Öffentlichkeit und finanziert durch öffentlich-rechtliche Gebühren eine buchschänderische Aktion statt? In einer späteren Sendung fehlte die Schale mit dem verderblichen Nass. Dafür war, an eine Kiste gelehnt, direkt neben dem notorischen Bücherschubser gut sichtbar angebracht ein handelsüblicher Feuerlöscher! Eine Sicherheitsmaßnahme für alle Fälle? und welche denn?